Black Swan auf offener See

Ein-Blick in die Zukunft

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Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf unsere Wertvorstellungen? Wie ändern sich die Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen? Welche Veränderungen bleiben, welche sind nur von kurzer Dauer? Diese Fragen untersuchte die Studie «Der schwarze Schwan COVID-19». Ein Blick in die Zukunft mit Nina Burger, Researcherin beim Zukunftsforschungsinstitut GIM.

Frau Burger, welche Themen bewegen die Menschen in der Corona-Krise?

Unsere Studie «Der schwarze Schwan COVID-19», aber auch zahlreiche weitere Studien, die wir zurzeit für unsere Kunden durchführen, zeigen, dass die Menschen aktuell vor allem die Themen Freiheit, Solidarität, aber auch die Vulnerabilität der eigenen Gesundheit sehr stark beschäftigen.

 

Werden sich unsere Werte und Einstellungen durch die Pandemie verändern?

Die Studie selbst prognostiziert nichts, sondern legt die Werteprojektionen der Menschen offen. Was auch in dieser Studie wieder deutlich wird: Grundsätzlich sind Werte und Einstellungen viel stabiler, als man gemeinhin annimmt. Spannend sind Nuancen, die sich verändern. Hier ist eindeutig sichtbar, dass vor allem Freiheit und Genuss viel stärker gewünscht werden – weil wir das aktuell nicht haben. Dagegen hat sich die Einstellung zum Thema Digitalisierung nicht wirklich verändert: Es ist und war nicht das neue Wunschszenario.

Die Wertelandkarte der Szenarien

Aggregierte Karte beider Erhebungswellen (N=2001)

Der schwarz Schwan GIM Foresights

Bildquelle: GIM foresight, Der schwarze Schwan Covid-19, Studienupdate Juli 2020

 

Gibt es etwas, das die postpandemische Gesellschaft nachhaltig prägen wird?

Die Corona-Krise dient als Katalysator dreier Megatrends, welche die postpandemische Gesellschaft prägen werden: Algorithmisierung, Anti-Fragmentierung und Re-Lokalisierung. Die Algorithmisierung, das zunehmend automatisierte und vernetzte Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine, wird rasant zunehmen. Man wird vermehrt auf Dienstleistungen zurückgreifen, die von Algorithmen organisiert sind, und immer mehr Aufgaben und Entscheidungen werden delegiert. Zunehmen wird auch der Wunsch nach Gemeinschaft. Hier stellen wir ein Spannungsfeld fest: Einerseits fragmentiert sich die Gesellschaft immer mehr, zum Beispiel durch Corona-Gegner. Andererseits wünschen wir uns aber eine stärkere Zusammengehörigkeit. Die Hoffnung auf internationale Zusammenarbeit wie auf lokale Gemeinschaft ist gross. Viele Menschen realisieren, dass grosse Probleme wie der Klimawandel grenzübergreifend und vereint angegangen werden müssen.

Individualismus ist also passé?

Egoistisches und isolationistisches Verhalten wird eher abgelehnt, ja. Die Krise hat viele zum Nachdenken gebracht. Sie fragen sich, was im Leben wichtig und was verzichtbar ist. Bei dieser Re-Fokussierung auf das Wesentliche sagen immer mehr Menschen: Es ist das Lokale. So besteht zum Beispiel der Wunsch, dass Luxus eher an schönen Erfahrungen und weniger an physischen Besitztümern gemessen wird.

 

Wie wichtig werden reale Nähe, gemeinschaftliche Erlebnisse und direkter sozialer Austausch in Post-Corona-Zeiten?

In allen unseren Studien sehen wir einen extremen Wunsch nach echter Nähe. Die Menschen sehen und benennen klar, was ihnen am meisten fehlt: der reale Austausch mit anderen. Durch die Einschränkungen haben sie vermehrt Sehnsucht nach Nähe und persönlichem Austausch, nach Gemeinschaft, Zusammenhalt und realen Erlebnissen.

Nina Burger, Researcherin beim Zukunftsforschungsinstitut GIM

Durch die Einschränkungen haben Menschen vermehrt Sehnsucht nach Nähe und persönlichem Austausch, nach Gemeinschaft, Zusammenhalt und realen Erlebnissen.

Nina Burger
Senior-Projektleiterin bei der GIM Suisse AG

Wie verändert Corona das Konsumverhalten der Menschen?

Die Sinnhaftigkeit von Produkten wird wichtiger. Die Menschen fragen sich vermehrt: Brauche ich das wirklich? Ein kompletter Wertewandel wird nicht stattfinden, aber unmittelbar nach Corona wird ein kurzzeitiger Anstieg an Hedonismus festzustellen sein. Nach Zeiten des Verzichts will man sich wieder etwas gönnen. Langfristig wird jedoch der bewusstere, sinnhaftere Genuss bleiben.

 

Werden Konsumenten also eher bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und nachhaltig zu konsumieren?

Das ist ambivalent: Es gibt zwar eine Sehnsucht nach Verantwortungsübernahme und Verzichtbereitschaft, doch die «gute Tat» ohne persönlichen Vorteil wird kein Konsummotiv werden. Bio- und regionale Produkte besetzen zum Beispiel eindeutig ein Sehnsuchtsfeld. Aber nur so lange, wie dieser Konsum nicht mit Verzicht in Verbindung gebracht wird. Die Mehrpreisbereitschaft braucht zusätzliche Anreize. Auch beim steigenden Onlineshopping besteht ein Spannungsfeld zwischen verantwortungsvollem Konsum und dem Wunsch nach Bequemlichkeit.

 

Welchen Einfluss hat Corona laut der Studie auf die Themen Arbeitsplatz und Arbeitsumgebung?

Das grosse Thema ist auch hier Freiheit. Diese wünschen sich die Leute am Arbeitsplatz genauso. Sie möchten die Wahl haben zwischen Homeoffice und Büro – und zwar genau dann, wann es ihnen passt. Das Bedürfnis nach Flexibilität hat sich manifestiert. Arbeitgeber werden in Zukunft flexibler und offener sein müssen gegenüber diesen Wünschen und Ansprüchen ihrer Mitarbeitenden.

 

Homeoffice ist allgegenwärtig. Wird die Pause mit den Arbeitskollegen vor Ort künftig einen höheren Stellenwert einnehmen?

Aus der Studie ersehen wir auf jeden Fall das Bedürfnis nach realem Erleben und realem Austausch. Grundsätzlich geht es um den Community-Gedanken, der immer wichtiger wird. Auch wenn man inzwischen erkannt hat, dass das Digitale möglich ist, wird der reale persönliche Austausch nach wie vor bevorzugt. Diesem Bedürfnis nach Zugehörigkeit müssen Unternehmen in Zukunft gerecht werden.

Nina Burger, Researcherin beim Zukunftsforschungsinstitut GIM

Auch wenn man inzwischen erkannt hat, dass das Digitale möglich ist, wird der reale persönliche Austausch nach wie vor bevorzugt. Diesem Bedürfnis nach Zugehörigkeit müssen Unternehmen in Zukunft gerecht werden.

Nina Burger
Senior-Projektleiterin bei der GIM Suisse AG

Welche weiteren Anforderungen werden zukünftig an Arbeitgeber gestellt?

Die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit wird immer relevanter. Es wird häufiger hinterfragt: Wieso mache ich das? Von Unternehmen wird erwartet, dass sie darauf eine Antwort bieten – und dass sie authentisch sind. Ausserdem müssen sie ihren Mitarbeitenden individuelle, flexible Lösungen bieten. Hier besteht die Möglichkeit, sich von anderen zu differenzieren.

 

Wie können Unternehmen das tun?

Sie sollten kreativ werden. Und auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden eingehen. Zum Beispiel könnte man seinen Angestellten nicht nur die Freiheit und Flexibilität in Bezug auf Homeoffice bieten, sondern sie auch entsprechend dafür ausstatten. Derzeit sind Homeoffice-Arbeitsplätze oft nur Behelfslösungen. Indem man Mitarbeitenden eine gute Infrastruktur und ergonomische Lösungen auch im Homeoffice zur Verfügung stellt, hebt man sich von anderen Unternehmen ab. Nicht, indem man ein Fitnessabo anbietet. Ob nun im Homeoffice oder vor Ort im Büro – Unternehmen sollten Begegnungen ermöglichen. Sie sollten Möglichkeiten schaffen, eine Community zu sein, in der sich Mitarbeitende zugehörig fühlen.

 

Wie kann das konkret umgesetzt werden?

Das ist sehr individuell und muss je nach Unternehmen und Belegschaft speziell angeschaut werden. Eine Firma, in der vorrangig junge Leute ohne Familie arbeiten, benötigt eine andere Art Community als eine Firma, in der zum Beispiel hauptsächlich Mütter angestellt sind. Hier sollte bei den Mitarbeitenden abgeholt werden, was sie sich wünschen und was für sie passt. Davon ausgehend können dann sinnvolle gemeinschaftsstiftende Massnahmen definiert und umgesetzt werden.

Zur Person

Nina Burger ist Senior-Projektleiterin bei der GIM Suisse AG. Seit 17 Jahren ist sie auf Kunden- sowie Institutsseite in der Markt- und Medienforschung tätig. Ihre Methodenschwerpunkte liegen auf der Trendforschung unter anderem in den Bereichen Medien, Gesellschaft, Gesundheit und Food.

Nina Burger, Researcherin beim Zukunftsforschungsinstitut GIM
Black Swan auf offener See

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