Integration

Engagement für die berufliche Integration

Die Stiftung Wendepunkt unterstützt Menschen bei der beruflichen und der sozialen Integration. Um Jugendliche und Erwachsene auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten, bietet sie über 600 eigene Arbeitsplätze an und kooperiert mit Firmen – auch mit Lyreco. Im Interview erzählen Sophie Rymann, Job Coach bei der Stiftung Wendepunkt, und Anton Klaric, Education & Services Manager bei Lyreco, von der erfolgreichen Zusammenarbeit.

Die Stiftung Wendepunkt mit Hauptsitz in Muhen feiert dieses Jahr ihr 30-Jahr-Jubiläum. Sie wurde 1993 gegründet, um Menschen in Not zu helfen. Damals verloren viele Arbeitnehmende durch Wirtschaftsumbrüche ihre Stelle. Seit ihren bescheidenen Anfängen hat sich die Stiftung zu einer führenden Sozialunternehmung entwickelt. Aktuell bietet sie rund 630 Arbeits- und 50 Ausbildungsplätze sowie 150 Wohn- und 70 Tagesplätze an. 2022 unterstützte die Stiftung Wendepunkt 1113 Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. 209 von ihnen waren Jugendliche. Diese besuchten ein Berufscoaching bzw. eine Berufsvorbereitung oder absolvierten bei der Stiftung eine praktische Ausbildung (PrA) oder eine berufliche Ausbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) oder eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ).

Lyreco fördert mit Arbeitstrainings, Wiedereingliederungsmassnahmen und Arbeitsintegrationsprogrammen die berufliche Integration und arbeitet dabei mit verschiedenen Stiftungen zusammen, so auch mit der Stiftung Wendepunkt. Anton Klaric, Education & Services Manager bei Lyreco, und Sophie Rymann, Job Coach bei der Stiftung Wendepunkt, engagieren sich gemeinsam dafür, dass Menschen in schwierigen Lebensumständen oder mit gesundheitlichen Einschränkungen eine Chance bekommen, im ersten Arbeitsmarkt tätig zu sein.

Frau Rymann und Herr Klaric, was motiviert Sie für Ihre Arbeit?

Sophie Rymann: Mir ist wichtig, Menschen eine Chance zu geben. Mich treiben die vielen schönen Erfolgsgeschichten an, die wir erleben, wenn sich Leute auf unsere Unterstützung einlassen. Als Job Coach versuche ich, den perfekten Match zu finden: Personen und Firmen zusammenzubringen, die zueinander passen. Manchmal, wenn ich Dossiers sichte, sehe ich die passende Firma bereits vor meinem geistigen Auge.

Anton Klaric: Wir erleben im Rahmen unseres Engagements immer wieder berührende Momente: Das Strahlen im Gesicht einer über 60-jährigen Arbeitskraft zu sehen, der wir eine Stelle anbieten – das macht es aus für mich. Menschen, die diese Chance bekommen, sind unglaublich glücklich, wieder arbeiten zu dürfen. Sie sind oft besonders loyal gegenüber Lyreco, ihrem Arbeitgeber.

«Als Job Coach versuche ich, den perfekten Match zu finden und Personen sowie Firmen zusammenzubringen, die zueinander passen.»

Sophie Rymann
Job Coach bei der Stiftung Wendepunkt

Wer kann von der beruflichen Integration der Stiftung profitieren?

Sophie Rymann: Zu uns kommen Menschen, die zurück in die Wirtschaft, in den ersten Arbeitsmarkt möchten und dabei Unterstützung brauchen. Es sind Menschen, die bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) oder bei einem Sozialdienst gemeldet sind und bisher erfolglos eine Stelle suchen. Und es sind Menschen, die über die Invalidenversicherung (IV) bei uns ein Aufbau- oder Arbeitstraining absolvieren und Erfahrungen im ersten Arbeitsmarkt benötigen. Wir unterstützen auch Jugendliche mit Flüchtlingshintergrund oder Jugendliche in einer IV-Abklärung bei der Lehrstellensuche. Egal, woher die Klientinnen und Klienten kommen, das Ziel ist, dass sie nicht bei uns in der Stiftung bleiben, sondern langfristig eine Stelle oder Lehrstelle finden.

Können sich Interessierte direkt an die Stiftung wenden?

Sophie Rymann: Nein, für die berufliche Integration kommt man über eine zuweisende Stelle zu uns – über das RAV, die IV, das Migrationsamt oder über die Sozialen Dienste. Wir erleben aber immer wieder, dass Klientinnen und Klienten bei einer zuweisenden Stelle den Wunsch äussern, bei uns eine Ausbildung oder einen Arbeitseinsatz absolvieren zu dürfen.

Welche Meilensteine gibt es in der beruflichen Integration, und wie lange dauert eine Begleitung im Durchschnitt?

Sophie Rymann: Grundsätzlich dauern die Arbeitseinsätze drei Monate, manchmal auch sechs Monate oder länger.

Die zugewiesenen Personen stellen sich bei uns vor. Wir lernen sie kennen und erfahren, welche Ausbildungen und Berufserfahrungen sie mitbringen. Ich versuche in den Gesprächen herauszufinden, was sie gerne machen möchten. Dabei muss ich auch die Vorgaben der zuweisenden Stelle, das heisst die bisherigen Berufserfahrungen, berücksichtigen. Wenn das nicht stimmig ist, versuche ich, Lösungen zu finden.

In einem nächsten Schritt geht es darum, den passenden Ort für den Arbeitseinsatz zu finden. Wir greifen dafür auf unser bestehendes Firmennetzwerk zurück oder akquirieren neu, je nach Profil. Haben wir etwas Geeignetes gefunden, gibt es nach ungefähr der Hälfte des Einsatzes ein Zwischengespräch. Dabei wird die Leistung beurteilt, und wir schauen mit den Personen an, wie sie ihre Einarbeitung erleben. Ich bringe auch immer die Frage auf: Bietet der Arbeitgeber nach dem Einsatz eine Stelle an? Nach Abschluss des Einsatzes stellt das Unternehmen eine Arbeitsbestätigung oder ein Arbeitszeugnis aus.

Wie viele Personen leisten aktuell einen Arbeitseinsatz bei einer Ihrer Partnerfirmen?

Sophie Rymann: Aktuell sind rund 80 Personen bei einem Unternehmen im ersten Arbeitsmarkt im Einsatz. Über die Offenheit von Firmen sind wir immer wieder überrascht und sehr dankbar.

Warum ist für die Stiftung die Zusammenarbeit mit Firmen wichtig?

Sophie Rymann: Die Klientinnen und Klienten erhalten die Möglichkeit, sich an den Ansprüchen und Erwartungen der realen Wirtschaft zu testen. Sie können Arbeitserfahrungen sammeln. Ein Arbeitseinsatz kann helfen, wieder in den «Flow» zu kommen. Zudem befindet man sich in einem Probezeit-Setting, in dem einem viel Goodwill entgegengebracht wird. Partnerfirmen sind darum für die Klientinnen und Klienten der Schlüssel zu neuen Erfolgserlebnissen oder sogar zu einem Wendepunkt im Leben.

«Menschen, die über ein Jobtraining zu uns stossen, sind dankbar für ihre Stelle und bringen eine sehr grosse Motivation mit.»  

Anton Klaric
Education & Services Manager

In welchen Bereichen oder Projekten arbeiten die Stiftung Wendepunkt und Lyreco zusammen?

Anton Klaric: Wir arbeiten seit mehreren Jahren mit der Stiftung Wendepunkt zusammen – hauptsächlich für Stellen in der Logistik und im kaufmännischen Bereich. Momentan beschäftigen wir drei Personen in der Logistik und eine in der Administration. Alle Personen, die von der Stiftung Wendepunkt zu uns kommen, arbeiten während dreier Monate bei uns. In dieser Zeit beobachten wir sie und beurteilen am Ende des Einsatzes, ob sie bereit sind für den ersten Arbeitsmarkt, woran sie noch arbeiten müssen, um den Schritt bewältigen zu können, oder ob sie besser noch innerhalb der Stiftung weiter beschäftigt werden. Läuft alles perfekt, bieten wir ihnen eine Stelle an. In den letzten rund 18 Monaten haben wir sieben Personen von der Stiftung Wendepunkt beurteilt und zwei von ihnen eingestellt. Insgesamt haben wir acht Personen von verschiedenen Stiftungen eingestellt bzw. eine Anstellung angeboten.

Warum hat sich Lyreco für dieses Engagement entschieden?

Anton Klaric: Lyreco ist ein Unternehmen mit starker sozialer Kultur. Bei der Zusammenarbeit mit der Stiftung Wendepunkt geht es uns in erster Linie darum, zu helfen. Erst in zweiter Linie sehen wir in den Arbeitstrainings eine zusätzliche Chance, Mitarbeitende zu rekrutieren.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit?

Anton Klaric: Sehr gut und unkompliziert – wir sind ein eingespieltes Team. Das ist für mich sehr wichtig. Zudem erhalten wir Unterstützung, wenn wir sie benötigen.

Welche Herausforderungen stellen sich für Lyreco bei der Begleitung der Personen?

Anton Klaric: Herausfordernd sind die sehr unterschiedlichen Hintergründe der Leute: Krankheiten, psychische Probleme, Arbeitslosigkeit usw. Wir versuchen, die Leute zu unterstützen und ihnen eine Chance zu geben. Trotzdem muss die Arbeit erledigt werden und es gibt Leistungsdruck.

Benötigen die Betreuungspersonen von Lyreco für ihre Tätigkeit spezielle Skills?

Anton Klaric: Die Stiftung Wendepunkt stellt uns für jede Person einen Job Coach zur Seite. Deshalb benötigen unsere Mitarbeitenden keine besonderen Skills. Wichtig ist aber, dass die Betreuungspersonen eine soziale Ader haben, sich für andere Menschen interessieren und sie gern fördern.

Inwiefern profitiert Lyreco als Unternehmen von diesem Engagement?

Sophie Rymann: Während des dreimonatigen Jobtrainings müssen Partnerfirmen keinen Lohn bezahlen. RAV, IV und Soziale Dienste leisten ein Taggeld. Ausgenommen sind Arbeitstrainings für Personen mit Flüchtlingshintergrund. Dort bezahlt die Firma eine Spesenentschädigung.

Anton Klaric: Wir engagieren uns nicht, weil wir den Leuten drei Monate lang keinen Lohn zahlen müssen. Bei Lyreco ist das Ziel jedes Trainings die Anstellung – denn für gewisse Stellen wird es immer schwieriger, gute Leute zu finden. Wir erleben immer wieder, dass Menschen, die über ein Jobtraining zu uns stossen, dankbar sind für ihre Stelle und eine sehr grosse Motivation mitbringen.   

Können Sie anderen Unternehmen das Engagement empfehlen?

Anton Klaric: Ja, sehr. Ich verstehe nicht, warum sich manche Firmen davor scheuen. Der Aufwand ist relativ gering, und man muss keine Abläufe anpassen. Wichtig ist, den Menschen eine Arbeit zu geben, die zu ihnen passt – zum Beispiel einem Autisten eine repetitive Arbeit.

Puzzle Integration

«Für diese Chance werde ich immer dankbar sein»

Mit 56 Jahren musste sich Michele C. beruflich komplett neu orientieren: 30 Jahre hatte er bei einer Schuhfabrik gearbeitet, als diese ihm aus wirtschaftlichen Gründen kündigte. Die Stiftung Wendepunkt vermittelte einen sechsmonatigen Arbeitseinsatz bei Lyreco, den er im Januar 2022 startete. «Seit Oktober 2022 ist Michele bei uns angestellt und macht einen super Job», freut sich Anton Klaric, Education & Services Manager bei Lyreco. Michele C. ist sehr froh über die Angebote der Stiftung Wendepunkt und die Zusammenarbeit mit Lyreco: «Trotz fortgeschrittenem Alter habe ich die Chance bekommen, neue Erfahrungen zu sammeln und mich zu beweisen. Dafür werde ich der Stiftung Wendepunkt und meinem Arbeitgeber Lyreco immer dankbar sein und dies mit super Leistungen beweisen», sagt er. Die Betreuung durch die beiden Organisationen hat er sehr positiv erlebt. «Alle Begleitpersonen waren immer freundlich und hilfsbereit. Ich fühlte mich jederzeit willkommen.»